Ostdeutsche und Stasikind

Der Schwerpunkt meiner Arbeiten liegt in meiner Herkunft. 1973 bin ich in der DDR geboren. 1989, als ich sechzehn Jahre alt wurde, fiel die Mauer. Ich bin Deutsche mit ostdeutschem Migrationshintergrund und Stasikind. Aus meiner persönlichen Entwicklung heraus möchte ich mehr Zwischentöne in die privaten und öffentlichen Diskussionen sowie gesellschaftlichen Erinnerungen bringen.

Als Kind waren das System und mein Umfeld, in dem ich aufgewaschen bin, die Normalität. Ich war in der Pionierorganisation und später in der FDJ (Freie Deutsche Jugend). Rückblickend kommt mir vieles sehr absurd vor – zum Beispiel der Handgranatenweitwurf im Sportunterricht oder die unermüdlichen Manöverübungen. Oft erlebe ich es, dass über diese Erfahrungen untereinander lachend zurückgeschaut wird. Ich mache das auch. Es hat auch etwas skurril amüsantes. Aber ich möchte in meiner Kunst tiefer schauen. Wie sehe ich meine Kindheit und Jugend in der DDR, die mit dem Fall der Mauer endeten?

Dabei spielen auch meine Erfahrungen als Stasikind eine wichtige Rolle. Mein Vater war hauptamtlicher Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit (Stasi). Er war einer von über 90.000 Beschäftigten des Staatssicherheitsdienstes. Viele Töchter und Söhne hatten Elternteile, die bei der Stasi gearbeitet haben. Doch nur wenige melden sich mit ihren Erfahrungen zu Wort. Dies möchte ich ändern. Ich möchte in und mit meiner Kunst davon erzählen. Wie hat mich die Tätigkeit meines Vaters geprägt? Welche Einflüsse haben die Geschichten meiner Familie? Wie nehme ich die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen heute wahr? Welche Zusammenhänge werden sichtbar?

 

 

Was für ein Spiel?

Collagen, private Fotografien und Zielscheiben auf schwarzem Karton, sw, Serie 1 bis 7 jeweils 29 x 29 cm, 2017, (c) Doreen Trittel – Die Collagen sind Teil der Werkgruppe “Schießen für den Frieden”.

 

 

Mutabor

Collagen, Papier, Kopien und Transparentpapier auf schwarzen Karton, sw, Serie 1 bis 3 jeweils 29 x 28 cm, 2017, (c) Doreen Trittel – Die Collagen sind Teil der Werkgruppe “Schießen für den Frieden”.

 

 

Typenschulbau

Fotodruck auf Karton mit Stickerei, Serie 1 bis 9 jeweils 27 x 20 cm ohne Rahmen, 44 x 33 x 2 cm mit Passepartout und Rahmen, 2016, (c) Doreen Trittel

 

 

Postkartengrüße aus der Kindheit

Collagen, Papier und teilweise Textil auf alten DDR-Kinderpostkarten (sw Fotoabzüge), Serie 1 bis 8 jeweils 32 x 24 cm, 2015, (c) Doreen Trittel

 

 

Postkartengrüße aus Berlin, Hauptstadt der DDR

Collagen, Papier und teilweise Textil auf alten DDR-Postkarten aus Ostberlin, Serie 1 bis 16 jeweils 32 x 24 cm ohne Rahmen, 33 x 27 x 2 cm mit Rahmen, 2015, (c) Doreen Trittel

 

 

9. November 1989

Installation, Zusammenstellung verschiedener Erinnerungen eines Teenagers aus den Jahren 1989 bis 1991 (Hausaufgabenheft, private Fotografien, private Zeichnungen, Kopien aus einem “Steckbriefbuch”), 85 x 65 cm, 2013, (c) Doreen Trittel

 

 

Der Palast meiner Kindheit (1985 – 1989)

Installation, Text (Erinnerungen) und Fotografien vom Abriss des ehemaligen “Palast der Republik”, gesamt 145 x 80 cm, Anordnung variabel, 2013, (c) Doreen Trittel

Auszug: “…und jetzt singen alle Frauen mit!“, ruft er fröhlich ins Mikrofon, das er mit der rechten Hand vor seinen Mund hält, während er mit der anderen weit ausholend den Takt angibt. Der Sänger schaut begeistert ins Publikum, angefangen bei den Rängen, wo ich im rechten Teil mit meiner Mutter sitze, bis hin zu den vorderen Reihen des Großen Saals, bevor er erstaunt feststellt: „Dort links singt eine Frau mit Vollbart!“ Gelächter im Saal. Auch ich amüsiere mich und klatsche begeistert in die Hände.

Als Kind habe ich über solche Witze noch lachen können. Heute könnte ich das nicht mehr, ich würde diese Art von Humor sogar als eingestaubt bezeichnen, genau wie meine Erinnerungen an den Palast der Republik. Wage sind sie, verblasst und unscharf setzten sie sich aus einzelnen Bruchstücken zusammen, vergleichbar mit einzelnen Schnappschüssen, die an einer Pinnwand hängen, die wiederum mit einer Staubschicht belegt neben vielen anderen in einer Ecke auf dem Speicher steht…”

 

 

 

Tagebuch: Sommer 1987

Installation, Fotografien (Lomografie, analog) und Text (Tagebuchauszüge), gesamt 165 x 114 cm, Anordnung variabel, 2012, (c) Doreen Trittel

Auszug: “Ich bin jetzt in Polen, in einem Pfadfinderlager. Wir übernachten in Zelten, in einem Wald. Da ist das Lager der polnischen Pfadfinder und hier ist unser Lager. Unsere Zelte stehen im Kreis. Ich habe hier drei nette, polnische Mädchen kennengelernt. Wir waschen uns an dem See. Wir essen aus Armeegeschirr. Das Klo – ein Balken mit einer Plane ringsherum – ist eine Zumutung. Mir wird dort immer kotzübel. Und man muss immer jemanden mitnehmen, der aufpasst, dass niemand anderes kommt.

Ich habe jetzt ein wenig Zeit, denn mein Bett habe ich schon gemacht. In unserem Lager ist es ganz schön blöd. Ich habe das Gefühl, dass mich keiner leiden mag. Ich möchte hier weg und auch nicht weg.

Es ist jetzt ungefähr halb acht Uhr, abends. Heute Abend ist ein Lagerfeuer. Hier ist kein schönes Wetter. Manchmal regnet es. Wir waren schon oft im Wald spazieren. Hier gibt es viele Himbeeren. Ich muss jetzt Schluss machen, denn die Zeit drängt…”

 

 

 

Sommer 1985

Installation, private Fotografien, verschlossenes Tagebuch, altes Faltblatt auf drei Pappen jeweils 33 x 47 cm, 2012, (c) Doreen Trittel