Eine Brücke zwischen analog und digital – Interview

Eine Brücke zwischen analog und digital – Interview

Es gibt sie noch, die Fans der analogen Fotografie. Welchen Reiz sie ausübt und welche Rolle sie bei der Umsetzung künstlerischer Positionen spielt, das verrät uns heute die Berliner Künstlerin, die Fotografin Carla Pohl.

Carla und ich lernten uns vor über einem Jahr bei einer Ausstellung kennen. Zuvor war mir ihr Flyer mit einem Porträt aus ihrer Serie „Er-Ich. Dritte Generation Ost.“ aufgefallen. Uns beide verbindet nicht nur das Interesse an der Kunst und Kreativität, sondern auch unsere ostdeutsche Herkunft und die Auseinandersetzung mit dieser Prägung.

www.carla-pohl.format.com

www.reportagefotografie.wordpress.com

 

Carla, was ist Dir persönlich und in Deiner Kunst an dem Thema der ostdeutschen Geschichte wichtig?

Ich denke das viele ostdeutsche Fotografen lange unterschätzt wurden und nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen haben, aber sieht man genauer hin, erkennt man einen ganz besonderen Stil und Blick bei der ostdeutschen Fotografie, der häufig (meiner Meinung nach) tiefer geht als der, der gesamtdeutschen Fotografie. Ich versuche in meiner Fotografie an diese Bildsprache heranzukommen bzw. zeigt mir manchmal ein Foto, dass ich gemacht habe, erst hinterher was ich da eigentlich wirklich gesehen habe. Also erzählt mir irgendetwas und dann finde ich auch plötzlich wieder Bezüge zu der ostdeutschen Bildsprache, den ostdeutschen Fotografen. 

In meiner Serie „Er-Ich. Dritte Generation Ost.“ beschäftige ich mich mit den Menschen und Orten die, die Wende als Kinder erlebt haben. Sie haben ganz andere Erinnerungen an die ehemalige DDR als deren Eltern.  Ich hatte angefangen mich dafür mehr zu interessieren, als der Palast der Republik abgerissen wurde, da ich das Gefühl hatte, dass mir ein Stück Identität gestohlen wird bzw. wegrationalisiert wird. Lange habe ich darüber nachgedacht, um dem ganzen eine Bildidee zu geben. Dann bin ich auf die Tryptichons gekommen. Drei Bilder: ein Porträt, in der Mitte ein Sockel eines Denkmals der DDR, als drittes ein Ort des Porträtierten, der schon weg ist oder sich extrem verändert hat, aber viel mit dem Porträtierten zu tun hat. Das sind auch immer wieder für mich neue spannende Reisen und Erinnerungen. So bist du ja auch in die Serie mit hinein gekommen, da ich deine DDR Geschichte gerade bezogen auf die dritte Generation sehr spannend finde. 

 

aus der Serie “Er-Ich. Dritte Generation Ost.”, (c) Carla Pohl

 

Die künstlerische Arbeit steht für Carla Pohl im Mittelpunkt. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass Carla für mich vor einiger Zeit eine Ausnahme gemacht hat, um Porträtaufnahmen von mir zu machen. Denn ich mag ihre Art zu fotografieren, ihre Sicht und ihre Herangehensweise. Ich mag auch das Klare und gleichzeitig melancholisch Geheimnisvolle in ihren Bildern. Das klingt jetzt ziemlich ernst, aber wer Carla kennt, weiß, dass bei ihr immer viel gelacht wird und der Spaß nie zu kurz kommt. Das hat mir auch sehr geholfen, vor der Kamera zu stehen und jemand anderes auf mich schauen zu lassen. Das war dann mitunter, muss ich zugeben, doch nicht so einfach, wie es manchmal aussieht. 

 

Doreen Trittel, (c) Carla Pohl

 

Einzelne Aufnahmen hast Du, Carla von mir auch mit einer analogen Kamera gemacht. Damit arbeitest Du auch am liebsten, wie Du mir schon verraten hast. Was ist für Dich der besondere Reiz an der analogen Fotografie und seit wann arbeitest Du schon damit?

Ich habe 1995 mit einer alten Praktika angefangen, zu fotografieren. Die war natürlich analog. Ich hatte irgendwann dann auch mein eigenes s/w Labor, also das war von meiner Mutter, ist aber bis heute in meine Hände übergegangen. Ich fotografiere mittlerweile nicht nur analog, sondern überwiegend digital (ist teilweise auch günstiger). Die analoge Fotografie hilft mir viel dabei, mir vorher Gedanken über das Bild zu machen und welche Einstellungen ich nehmen muss. So hat sich auch meine digitale Fotografie „verbessert“. Am Analogen ist mir auch die größere Tiefe im Bild wichtig bzw. lieber, aber ich versuche trotzdem, dieses auch ins Digitale zu übernehmen.

Ich fotografiere auch sehr viel mit einer Polaroid (eine alte und nicht die Neue von Fuji). Bei den Polaroids kann es auch unglaublich entspannend und spannend sein, einfach mal die Kontrolle abzugeben und sich rein auf das Motiv zu konzentrieren. Ich denke, jede Kamera und jede Art der Fotografie hat ihren Reiz. Manchmal muss ich dann auch überlegen: Verdammt welche Kamera nehme ich jetzt mit, was brauch ich denn heute eigentlich alles und am Ende ist mein Rucksack dann 50 kg schwer ;). Ich entscheide mich dann spontan und je nach Motiv. Bei Projekten bin ich allerdings sehr konsequent und arbeite größtenteils entweder nur analog oder nur digital, natürlich rutschen mir immer ein, zwei analoge Bilder mit rein.

 

Venedig, Polaroid, (c) Carla Pohl

 

Du hattest gleich zu Beginn diesen Jahres eine große Ausstellung mit anderen Künstlern in der Fotogalerie Friedrichshain, Berlin, mit dem Titel „Glaubenswelten“. Auf welche Projekte und Ausstellungen können wir uns als nächstes freuen?

Ja, meine nächsten Projekte. Da gibt es immer so viel, weil mir ständig irgendetwas im Kopf rumspringt, was raus möchte. Also ich arbeite momentan überwiegend an meiner Serie „Echorauschen“. In der Serie geht es um das Wiederentdecken oder Neuentdecken seiner Weiblichkeit nach einem sexuellen Missbrauch in der Jugend. Hört sich ziemlich hart und anstrengend an, ist es auch meistens, aber die Arbeit daran hat mir auch viel Erkenntnis gebracht und auch viel Lachen, wie du selber ja schon gesagt hast, bei mir gibt es immer viel Lachen und das eben auch bei ernsten Themen.

Ansonsten ist da natürlich noch „Er-Ich“. Man kann ab dem 27.4.2018 – 18.5.2018 vier Tryptichen in der Kunsthalle Brennabor in Brandenburg an der Havel sehen. Dort bin ich Teil der Gruppenausstellung „MARK“.

Dann gibt es bei 48h Neukölln analoge Arbeiten zu sehen im Lite-Haus. Das ist ja sogar mit dir zusammen und du bist ja auch ein Teil von „Er-Ich“ 😉

Ansonsten arbeite ich daran die Ausstellung „Glaubenswelten“ wandern zu lassen, ein weiteres Projekt mit dir zusammen, bei dem es um die Mauer geht (wieder analoge Arbeiten von mir) und suche mir gerade in meinem riesengroßem Haufen an Ideen etwas für eine Doku oder so. Mal sehen was da so kommt, da lass ich mich auch überraschen.

 

Liebe Carla, herzlichen Dank, dass Du mir und meinen Leser.innen einen Einblick in Deine Arbeit gegeben hast und ich Dich hier vorstellen durfte. Vielen Dank auch für Deine Porträts von mir. Ich freue mich auf neue Ideen und Projekte von und mit Dir. Alles Liebe.

 

Selbstporträt, analog, (c) CarlaPohl

 

Ausstellungen mit Werken von Carla Pohl:

MARK
Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation
Vernissage: 27.04.2018, 18.00 Uhr
Laufzeit der Ausstellung: 28. April bis 8. Juni 2018
Kunsthalle Brennabor, Geschwister-Scholl-Straße 10-13, 14770 Brandenburg an der Havel

Bei dieser Ausstellung ist neben anderen auch unsere liebe Künstlerkollegin Sabine Küster mit ihrer Aktion ich bin alice* mit dabei. Du erinnerst Dich vielleicht. Sabine hat mir vor einiger Zeit auch ein paar Fragen beantwortet: Ein neues Land erblickt die Welt – Interview. Ich freue mich auf die Vernissage. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust uns dort zu treffen, die vielfältige Kunst zu genießen.

Als ich noch echt war…
Ausstellung & LiveAktionen der Künstlerinnen-Gruppe “Ogeladalo”
im Rahmen des Kunstfestivals 48-h-Neukölln vom 22. bis 24. Juni 2018
LiTE-HAUS, Galerie und Projektraum, Raum 1 und 2, Mareschstr. 4, 12055 Berlin Neukölln

Ich bin, wie Carla schon sagte, auch mit dabei, ebenso Sabine Küster, Ana Bathe und Aino Onia. Darauf freue ich mich sehr. Die Vorbereitungen laufen und weitere Informationen folgen.

 

Ein Sommer am See: wärmende Erinnerungen

Ein Sommer am See: wärmende Erinnerungen

Im Winter leben wir von den Erinnerungen an den Sommer, heißt es doch. Oder? In Vorbereitung auf ein Projekt im kommenden Jahr habe ich in meiner Kiste mit Kindheitserinnerungen gekramt. Dabei fiel mir ein Aufsatz in die Hände, den ich einst vor etwa dreißig Jahren in der Schule schrieb. Als ich ihn las, tauchten die Bilder in mir auf, das Gefühl… dort am See…

 

Am See 1, Lomografie, (c) Doreen Trittel

Am See 1, Lomografie, analog, (c) Doreen Trittel

 

Das vorgegebene Thema lautete: “Aufsatz zum Wi(e)dergeben von Eindrücken”. (Erst jetzt – nach über zwanzig Jahren – fällt mir auf, dass die Lehrerin das fehlende ‘e’ nicht bemerkt hat.) Heute würde ich vieles anders ausdrücken, andere Worte wählen, neue Sätze formulieren… Ich hatte auch kurz überlegt, den Text zu überarbeiten. Es sind schon einige widersprüchliche Aussagen enthalten, Worte, Formulierungen, die ich nicht mehr so verwenden würde… Doch dann bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich ihn sonst verfälschen würde. Denn es ist der Text eines jungen Mädchens, der mich zum Schmunzeln bringt und mich lächelnd an längst vergangene Zeiten erinnern lässt. In diesem Sinne möchte ich diesen Aufsatz gern mit Dir teilen.

Schaffen wir uns gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit gemütliche Momente zum Innehalten, zum Schmunzeln und Erinnern. Vielleicht magst Du ja einen solchen Moment teilen: Imme sammelt auf ihrem Blog Sprotten-Stories noch bis zum 31. Dezember 2017  im Rahmen einer Blogparade solche und ähnliche Nostalgiemomente.

 

Im Schilf, Lomografie, (c) Doreen Trittel

Im Schilf, Lomografie, analog, (c) Doreen Trittel

 

Berlin, am 28. März 1988

Aufsatz zum Wi(e)dergeben von Eindrücken

Abschied vom See

Ich erinnere mich an einen Ferientag im August 1987 an einem See in Polen. Langsam gehe ich den Waldweg entlang. Hinter mir liegt das Lager. Stimmen sind zu hören, singende und lachende. Dort vorne muß ich in das Gebüsch nach links abbiegen.
Ein kleiner schmaler Weg, von Bäumen und Sträuchern umgeben, führt hinunter zum Steg. Das Wasser ist schon zu hören. Es plätschert leise.
Vor mir breitet sich der ruhige See aus. Bis jetzt hatten Bäume und Büsche den Blick auf ihn verdeckt.
Ich gehe auf den kleinen, zerfallenen und einsamen Steg zu. Man muß vorsichtig sein, denn er ist schon wack(e)lig, morsch, und er neigt sich langsam dem Grund des Sees zu.
Es ist schön(,) hier zu sitzen, mitten im Schilf und vor mir ein Stück vom See. Am anderen Ufer sieht man ein Haus zwischen Bäumen hervorragen.
Der Himmel färbt sich rot, orange und gelb. Zwischen diesen Farbtönen sinkt eine hellgelbe Kugel, die Sonne. Sie versinkt mehr und mehr hinter dem Berg, der mit verschiedenen Baumarten bewachsen ist.
Dort und da taucht im See mal ein Fisch auf, der kleine Wellen hinterläßt. Die Frösche geben ihr Abendkonzert, dem ich gerne zuhöre. Auf der anderen Seite des Sees sitzen einige Fischer und warten auf ihren Fang.
Morgen, um diese Zeit, sind wir schon auf dem Heimweg.
Ich sitze hier und versuche, mir dieses Bild einzuprägen, denn ich werde es bestimmt nie wiedersehen.
Jetzt muß ich aber gehen, denn gleich gibt es Abendbrot. Langsam erhebe ich mich. Meinen gepflückten Blumenstrauß überlasse ich den Wellen des Gewässers.
Traurig gehe ich auf den kleinen schmalen Weg. Doch ich drehe mich noch (ein)mal um, schiebe die Blätter beiseite und sehe noch einmal dieses schöne Bild der Natur. Ich könnte jeden Abend hier sitzen, und jedesmal g(ä)be es etwas Neues zu entdecken.
Vor mir sehe ich wieder das Lager. Die Stimmung der anderen reißt mich mit und läßt mir keine Zeit, sehnsüchtig an diese Augenblicke am See zurückzudenken.

 

Am See 2, Lomografie, (c) Doreen Trittel

Am See 2, Lomografie, analog, (c) Doreen Trittel

 

Mit meinen Erlebnissen in diesem Ferienlager beschäftige ich mich auch in meiner Arbeit mit dem Titel Sommer 1987. Hier habe ich Eintragungen aus meinem Tagebuch von damals mit Fotografien (Lomografie) verknüpft. Es sind die Erlebnisse und Gedanken an einem Sommer in einem Pfadfinderlager irgendwo in einem Wald an einem See in Polen. Auf der einen Seite unterscheiden sich diese Erfahrungen von denen in Westdeutschland aufgewachsenen Kindern, aber andererseits lassen sich auch viele Gemeinsamkeiten erkennen.

Ich wünsche Dir noch eine schöne Adventszeit mit genussvollen und gemütlichen Momenten. Lasst uns auch in der kalten Jahreszeit wundervolle Erinnerungen für morgen schaffen.

Erinnerungen an einen Sommertag

Erinnerungen sind oft ungeordnet, tauchen manchmal unverhofft aus den Tiefen auf, formen sich mit den Jahren… Zeiten und Bilder verschieben sich…

Erinnerungen an einen Sommertag

Sonnenbrille und Sonnenschirm vor Himmelblau

 

Schatten Blume Pflanze hinter Vorhang Sonne Sommertag

 

Sommer Himmelblau Sonnenschirm gestreift Lomographie

 

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