Der 3. Oktober 2018 – Der Beginn (m)einer Versöhnung

Der 3. Oktober 2018 – Der Beginn (m)einer Versöhnung

Jetzt war ich das erste Mal bei den offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit, die man schon zwei Tage vorher besuchen konnte. „…Die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit findet seit 1990 in der Landeshauptstadt des Landes statt, das zu dem Zeitpunkt den Vorsitz im Bundesrat innehat…“ (Wikipedia). In diesem Jahr ist es Berlin.

Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich mit dem 3. Oktober schon seit 28 Jahren, seit seinem Bestehen so meine Probleme habe. Im vergangenen Jahr habe ich versucht, das mal zusammenzufassen: Der 3. Oktober 1990: Es war eine Zeit der Extreme. Es war eine Zeit der Extreme zwischen Euphorie und Überleben. Diese Zeit hat uns geprägt.

 

100DM – Revolution & Konsum: Die Wünsche einer Generation. Ausstellung. https://100dm.de/de/

100DM – Revolution & Konsum: Die Wünsche einer Generation. Ausstellung, Foto by Doreen Trittel

 

Wie sehe ich es heute?

Es ist etwas in Bewegung gekommen. Die Diskussionen rund um Ostdeutschland und die ostdeutsche Geschichte beziehen nun auch mehr und mehr die Zeit nach dem 9. November 1989 bis heute mit ein. Ich hoffe, dass mit fast 30 Jahren Abstand, die Zeit gekommen ist, um offen und konstruktiv über die gemachten Erfahrungen zu sprechen – zu erzählen, zu zuhören und sich auszutauschen. Denn unsere Erlebnisse begrenzen sich nicht nur auf die beiden Pole Stasi und Ostalgie, sondern erstrecken sich auf verschiedene Ebenen dazwischen.

Das konnte ich vor einiger Zeit bei einer Podiumsdiskussion in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin erleben: 28 Jahre Wiedervereinigung – Aufbruch – Umbruch – Ausbruch? Dieser Abend hat mir gezeigt, dass es möglich ist, mehrere Ebenen bei der Diskussion um die aktuelle Situation in Deutschland – in Ost und West – mit Blick auf die letzten Jahrzehnte zuzulassen und bereichernd diskutieren zu können. Diese Veranstaltung wurde live mitgeschnitten. Du kannst sie hier anschauen: Neue Mauern in den Köpfen?…

 

Band der Einheit, Tag der Deutschen Einheit Berlin, https://www.kulturprojekte.berlin/projekt/tag-der-deutschen-einheit-berlin-2018/

Band der Einheit, Tag der Deutschen Einheit Berlin, Foto by Doreen Trittel

 

Die DDR existiert seit fast 30 Jahren nicht mehr, doch sie lebt bis heute fort. Sie hat uns geprägt, sie steckt in uns, in unseren Eltern und Großeltern. Auch die Zeit der Wende nach dem Mauerfall hat mehrere Generationen vor Herausforderungen gestellt, die auch heute noch nachwirken. Die Prägungen können nicht über Nacht zum Einsturz gebracht werden. Dies erfordert eine intensive und schonungslose Auseinandersetzung.

Ein gutes Beispiel ist für mich der Artikel von Daniel Schulz in der TAZ: Wir waren wie Brüder. Im Untertitel heißt es: Unser Autor ist vor Neonazis weggelaufen und er war mit Rechten befreundet. In den Neunzigern in Ostdeutschland ging das zusammen. Und heute? Daniel Schulz schont sich nicht in seinem Artikel, aber nicht nur deshalb ist er lesenswert. Er gibt uns einen Einblick in ein Kapitel der Wende- und Nachwendezeit… Ja, auch dorthin müssen wir schauen. Der Druck von Rechts ist ein gesamtdeutsches Problem, aber der Blick geht im Ostteil auf eine andere Entwicklung zurück, und das dürfen wir nicht außer acht lassen. Die aktuellen Ereignisse machen deutlich: Es wird Zeit! – Rechts ist ebend nicht nur ein Wort…

Gleichzeitig ist es wichtig, immer wieder zu betonen: Der Osten besteht nicht nur aus Rechtsradikalen. Um dies deutlich zu machen hat Stefan Krabbes auf Twitter den Hashtag #derandereosten ins Leben gerufen. Hier erzählen Menschen von ihren Erfahrungen und ihrer Sicht: Der Osten ist bunt. Auch ich habe mich schon mit einzelnen Tweets beteiligt. Davon haben auch die Medien berichtet. Die DW hat zum Beispiel eine Videocollage zusammengestellt, an der auch ich beteiligt bin.

Ein sehr persönliches Interview hat Maria Klitz für ihren Blog mit mir geführt: Aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt. Es hat mir selbst wieder neue Perspektiven aufgezeigt und mein Verständnis erweitert.

 

Tag der Deutschen Einheit in Berlin, Foto by Doreen Trittel

Tag der Deutschen Einheit in Berlin, Foto by Doreen Trittel

 

Ich bin froh, dass ich heute einer persönlichen Einladung (Danke!) gefolgt bin, und so über meinen Schatten springen konnte, um es mal auf diese Art zu formulieren. Denn eigentlich wollte ich heute eine Serie bestehend aus drei Fotografien mit dem Titel „Blühende Landschaften“ zeigen und dazu etwas schreiben… (Mache ich später, in einem anderen Blogbeitrag.) Aber das schien mir nun nicht mehr passend. Nach meinem Besuch der offiziellen Feierlichkeiten, spüre ich das erste Mal so etwas wie eine Versöhnung mit dem Tag der Deutschen Einheit. Ja, es ist vieles schief gelaufen. Ja, es gibt noch viel zu tun. Aber es hat sich etwas in Bewegung gesetzt, das uns weiterbringen wird. Das hoffe ich, und ich werde mit dem, was ich künstlerisch und persönlich aus eigener Erfahrung zu erzählen habe, dazu beitragen.

 

Doreen Trittel beim Tag der Deutschen Einheit in Berlin

Doreen Trittel beim Tag der Deutschen Einheit in Berlin

 

Bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit #TDE2018 präsentieren sich verschiedene Akteure. Ich möchte beim #TDE2018Berlin die einzelnen Präsentationen der Bundesländer, die Informationsstände der Gedenkstätten und die vielfältige Kunst empfehlen. Und wie es sich für ein Fest gehört: Es gibt auch gutes Essen und Trinken. Dazu spielt Musik. Nun fehlt nur noch der herbstlich wärmende Sonnenschein über Berlin.

 

Rheinland Pfalz beim Tag der Deutschen Einheit in Berlin, Foto by Doreen Trittel

Rheinland Pfalz beim Tag der Deutschen Einheit, Foto by Doreen Trittel

 

Prost! Auf uns, in Ost & West, in Nord & Süd!

 

Tag der Deutschen Einheit in Berlin, Foto by Doreen Trittel

Tag der Deutschen Einheit in Berlin, Foto by Doreen Trittel

Aufgewachsen… | Ich in einem Interview

Aufgewachsen… | Ich in einem Interview

Vor kurzem lernte ich Maria Klitz auf digitalen Wegen kennen. Maria hat eine Website und schreibt einen Blog zum Thema Bedürfnisorientiertes Familienleben. Da ich selbst auch Mutter bin und mich mit Familie in meiner Kunst auseinandersetze, fand ich gleich spannend, was Sie macht. Maria ist Erzieherin und Elterncoach. Online führt sie Interviews zu Tabuthemen, Alltag und Kindheit früher. So kamen wir auf meine Familiengeschichte zu sprechen und ich beantwortete Marias Fragen.

 

Baby im Kinderwagen sw

Foto privat, (c) Doreen Trittel

 

„Aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt“: Herzlichen Dank, liebe Maria, für Dein Interesse und Deine Neugier an meiner ostdeutschen Herkunft und meinen Erfahrungen als Stasi-Kind. Auf der einen Seite erzähle ich viel aus dieser Zeit und beschäftige mich auch in meiner künstlerischen Arbeit damit, und auf der anderen Seite habe ich durch Deine Fragen wieder erfahren, dass es nicht einfach ist, die damaligen Lebenserfahrungen und das Lebensgefühl aus meinem Alltag an jemanden weiterzugeben, der es selbst nicht erlebt hat. Kommt es mir selbst mitunter fremd vor. Aber dieser Herausforderung stelle ich mich immer wieder gern, öffnen sich mir dadurch immer wieder neue Perspektiven… weiterlesen

 

Kind Fahrradfahren sw

Foto privat, (c) Doreen Trittel

 

…Ich war zum Beispiel sehr stolz darauf, dass ich mit meinem grasgrünen Fahrrad schnell das Fahren lernte und den Fahrtwind im Gesicht spüren konnte…

 

Foto sw Porträt

Foto privat, (c) Doreen Trittel

 

…Manchmal, wenn ich so da sitze und einfach in die Welt schaue, spüre ich die Schwere meiner Geschichte und Auseinandersetzung… Doch dann blicke ich auf die vielen Phasen zurück, in denen ich viele Hürden schon genommen habe. Und das fühlt sich unglaublich gut an…

 

Das vollständige Interview kannst Du bei Maria Klitz nachlesen: Aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt. Auch die anderen Interviews kann ich empfehlen. Ich finde die verschiedenen individuellen Geschichten und Erfahrungen immer sehr spannend.

Rechts

Rechts

Rechts – ein Wort.

Der Schriftzug – Typografie.

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Wir dürfen nicht die Augen verschließen. Es war da. Es ist da.

Das hat mir die Sonderausstellung Anfang des Jahres

im NS-Dokumentationszentrum München nochmal deutlich gemacht:

„Nie wieder. Schon wieder. Immer noch.

Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945″.

 

Ja, es macht Angst,

aber genau deswegen müssen wir alle ganz genau hinschauen!

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

#wirschauennichtweg #ausdergeschichtelernen #wirsindmehr 
#keinegewalt #keinrassismus #keinhass#nonazis #noafd 
#respekt #menschlichkeit #menschenwürde #demokratie 
#liebestatthass #herzstatthetze #erinnern #weremember

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Dies ist eine Auswahl von mehreren Fotografien, die ich in diesem Jahr über mehrere Monate verteilt schon gemacht habe. Eigentlich wollte ich diese Arbeit noch reifen lassen, weitere Motivideen umsetzen. Aufgrund der aktuellen Ereignisse in Chemnitz habe ich meinen Plan kurzfristig geändert und eine Auswahl zur Veröffentlichung getroffen. In den letzten Tagen waren verschiedene Aufnahmen bei mir auf Twitter, Instagram und Facebook zu sehen.

 

Rechts, Fotografie, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

 

Rechts

Fotografien, Serie, 2018, (c) Doreen Trittel

Der Mann im All – ein Held meiner Kindheit

Der Mann im All – ein Held meiner Kindheit

Am 26. August 1978, vor 40 Jahren, flog Sigmund Jähn als erster Deutsche – mit seinem russischen Kollegen Waleri Bykowski – ins All zur sowjetischen Raumstation Saljut 6.

Sigmund Jähn (*1937) „ist ein ehemaliger deutscher Jagdflieger, Kosmonaut und Generalmajor der NVA (Nationale Volksarmee) der DDR. Er war als erster Deutscher im Weltraum… Der Flug dauerte 7 Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und 4 Sekunden…“  (Wikipedia, Aug. 2018)

 

Erlebnis Weltraum, Sigmund Jähn, DDR-Buch, Foto by hehocra

 

An die Medienberichte zu dieser Zeit, beide waren eine Woche im All, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war fünf Jahre alt. Aber ich erinnere mich gut daran, dass Sigmund Jähn ein Held vieler Kinder in der DDR war. Ich sah ihn und seinen Kollegen einmal bei einer Veranstaltung im Pionierpalast. Bei diesem Besuch habe ich auch das Buch „Erlebnis Weltraum“ von Sigmund Jähn gekauft. Ich war sehr stolz darauf und fand es damals sehr aufregend.

1979 wurde der Pionierpalast „Ernst Thälmann“ – ein weiterer Held – als größtes Pionierzentrum in der DDR im Pionierpark in der Wuhlheide eröffnet. Dort gab es ein Kosmonautentrainingszentrum, wo die Pioniere verschiedene Übungen und Aufgaben absolvieren konnten. Mein Highlight bei einem Besuch war das Rad, in dem man an den Füßen und Händen festgebunden und dann in alle Richtungen quasi gleichzeitig gedreht wurde. Man musste schwindelfrei sein. Heute ist das Gebäude, das FEZ-Berlin ein Kinder-, Jugend- und Familienzentrum.

 

Erlebnis Weltraum, Sigmund Jähn, DDR-Buch, Foto by hehocra

 

Die Kapsel Sojus 29, mit der die beiden Kosmonauten dann wieder auf der Erde gelandet sind, habe ich später einmal im früheren Armeemuseum Dresden (heute Militärhistorisches Museum der Bundeswehr) gesehen. Das ist mir bei meinen Recherchen zu diesem Blogbeitrag wieder eingefallen. Auf der Kapsel waren die Unterschriften der Besatzungsmitglieder nach der Landung zu sehen.

 

Erlebnis Weltraum, Sigmund Jähn, DDR-Buch, Foto by hehocra

 

In meiner Kindheit gab es viele Helden. Dass das Programm war, ist mir erst später nach dem Fall der Mauer bewusst geworden. Der Frage nach dem Status als Held im heutigen Deutschland geht dieser Zeit-Artikel nach: Warum ist dieser Mann kein Held?

 

Erlebnis Weltraum, Sigmund Jähn, DDR-Buch, Foto by hehocra

 

Im Tagesspiegel gibt es ein Interview mit dem heute 81 Jährigen. Darin gibt er den ein oder anderen Einblick in seine Erlebnisse von damals: …Sigmund Jähn über seinen Freund Alex Gerst, Ufos und 16 Sonnenaufgänge am Tag.

Auf der Website des MDR gibt es einige Aufnahmen von vor 40 Jahren: Sigmund Jähn.

Ob nun Kosmonaut oder Astronaut… Diesen kulturellen Unterschieden widmet sich der Deutschlandfunk in einem kurzen Artikel: Von Himmels- und Sternfahrern – Astronaut, Kosmonaut, Taikonaut.

Ganz besonders möchte ich Dir folgendes kurzes Video des ESA-Astronauten Alexander Gerst ans Herz legen. Darin macht er nach sehr deutlich darauf aufmerksam, was wir Menschen unserem Planeten antun und ruft zum Umdenken und Handeln auf: Astronaut Alexander Gerst über den Zustand unserer Erde (1:07 min)

 

Erde, Foto by hehocra

 

7 Bücher, die mich geprägt haben

7 Bücher, die mich geprägt haben

Sommer, Ferien, Urlaub… Wochenende… Zeit zum Lesen. Auf Facebook wurde ich von einigen nach meinen 7 Büchern gefragt, die mir etwas bedeutet bzw. bedeutet haben. 7 Bücher an 7 Tagen und das ganze ohne Worte, nur der Buchtitel bzw. das Buchcover. Aber im Laufe der Tage hatte ich dann doch das Bedürfnis, das ein oder andere zu den Büchern zu sagen. Und das mache ich heute nun hier, in meinem Blog.

Bei der Auswahl dieser Bücher bin ich ohne große Überlegungen vorgegangen. Ich stand vor meinem Regal und ließ meine Augen, den Kopf geneigt, über die Buchrücken gleiten. So zeige ich Dir heute diese 7, in der Reihenfolge, wie ich sie gelesen habe:

 

Tun Sie’s doch!** von Irene C. Kassorla, Knaur, 1988 — Dieses Buch habe ich Anfang der 90er Jahre auf Empfehlung einer damals befreundeten Kollegin gekauft. Es ist sehr im ‚amerikanischen Stil‘ geschrieben: Chacka! Yeah!… Damals war dies für mich der Einstieg in die Thematik, sich und sein Handeln zu hinterfragen, zu reflektieren.

 

Guten Morgen, du Schöne** von Maxie Wander, dtv, 1977 — Das Buch vereint „…Protokolle nach Tonband. Darin lässt sie Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters über ihre Alltagserfahrungen, Befindlichkeiten und Wünsche sprechen….“ (Wikipedia, Aug.18) Die persönlichen Geschichten der Frauen berührten mich sehr.

Klar bin ich eine Ost-Frau! von Martina Rellin, Rowohlt Berlin, 2004 — Die Autorin hat den Stil von Maxie Wander aufgegriffen und Menschen zu verschiedenen Themen befragt. Ich habe es seiner Zeit in Saarbrücken gelesen, als ich dort einige Jahre lebte. …mit den Jahren begann auch ich selbstbewusst zu sagen: Ja, ich bin eine Ost-Frau!

 

Im Zwischenlicht der Zeit** von Ingrid van Biesen (Gedichte) und Monika Bozem (Grafiken), Gollstein, 2005 — Dieses schmale Buch beinhaltet Gedichte, die mit äußerst wenigen Worten viel erzählen. Das kreative Schreiben, insbesondere von Poesie, stand für mich viele Jahre im Mittelpunkt. Dieser Gedichtband hat mich sehr geprägt. Ich begann vieles, was ich bis dahin geschrieben hatte, zu überarbeiten… Auch heute streiche ich vieles im Prozess des Werdens zusammen, nicht nur in Texten sondern auch in meinen Werken.

 

Die fünf Menschen, die dir im Himmel begegnen** von Mitch Albom, Goldmann, 2005 — Der Autor hat mehrere interessante und sehr anregende Bücher geschrieben, die inzwischen auch mitunter verfilmt wurden. Dieses Buch war das erste von Mitch Albom, was zuerst gelesen habe. Ein alt gewordener Mann blickt auf sein Leben zurück, das er als langweilig, ereignis- und sinnlos ansieht. Doch erst nach dem Tod begegnen ihm fünf Menschen, die seine Sicht auf sein Leben grundlegend verändern… Dies hat mir in einer Zeit sehr geholfen, an der etwas zu Ende ging und das Neue noch unbekannt war.

 

Als Mutter bin ich nicht genug** von Elif Shafak, Egmont VGS, 2010 — Dieses Buch hatte ich einst in Istanbul entdeckt. Die Autorin beschreibt ihre inneren Stimmen als einzelne Personen mit einem eigenen Zuhause in sich. Sie kommuniziert mit ihnen. Sie diskutieren untereinander und geraten heftig aneinander. Dies gipfelt in einer Depression nach der Geburt. Mehr dazu habe ich mal im wunderbaren Blog ohfamoos geschrieben: Wie viele Frauen hast Du in Dir?

 

Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat** von Ruth Hoffmann, Propyläen und List Taschenbuch, 2012 — Auch in diesem Buch kommen verschiedene Menschen zu Wort. Sie erzählen ihre Geschichte als Stasi-Kind. Dieses Buch war für mich im wahrsten Sinne eine Offenbarung.

 

Lesen im Café, (c) Doreen Trittel

Lesen im Café, (c) Doreen Trittel

 

Jedes dieser Bücher hat mich auf seine Weise geprägt und dazu beigetragen, dass ich mich verändern und mit verschiedenen Herausforderungen in meinem Leben umgehen konnte… Welche Bücher fallen Dir ein? Du kannst die Anregung gern aufgreifen und uns Deine 7 Bücher zeigen, die Dir etwas bedeuten, die Dich geprägt haben. Ich freue mich darauf und verlinke sie hier gern. Gibst Du mir Bescheid? Dankeschön.

Eine Ausstellung der Erfahrungen

Eine Ausstellung der Erfahrungen

Wenn Fotos in Ausstellungen erlaubt sind, dann mache ich gern welche. Doch bei dieser Ausstellung war das Fotografieren für mich unerwartet zur Nebensache geworden. Weshalb? Was war hier so außergewöhnlich?

 

"The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

„The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Der Künstlerin Marina Abramovic ist eine großartige Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn gewidmet, bis zum 12. August 2018: The Cleaner

Marina Abramović, geboren 1946 in Belgrad, ist eine der meistdiskutierten Künstlerinnen, vor allem im Bereich ihrer Performances, mit denen sie immer wieder die eigenen physischen und psychischen Grenzen auslotet und überschreitet.

Rein Wolfs, der Intendant der Bundeskunsthalle, sagt: „Die Bedeutung von Marina Abramović ist so immens, dass eine große Retrospektive in Europa längst fällig war. Durch einen konsequenten Einsatz von Re-Performances ist The Cleaner mehr als eine einfache Ausstellung, ein immersives Gesamterlebnis größter kunsthistorischer Tragweite.“…

…Persönliche Erfahrungen und auch Verantwortung sind ein zentraler Punkt ihrer Arbeit, die sich im Kern mit Erinnerung, Schmerz, Verlust, Ausdauer und Vertrauen auseinandersetzt. Die Ebene der Zeit(-erfahrung) und der Umgang mit dem eigenen Körper sind weitere Faktoren, die ihr Werk eindrücklich werden lassen. Seit mehr als fünfzig Jahren reagiert Abramović auf die sie umgebende Welt und bedient sich dabei ihres Körpers und ihrer Energie als künstlerisches Ausdrucksmittel. Mit ihren physisch und mental stark fordernden Performances – von gewaltsamen und riskanten Aktionen bis hin zu eher stillen Begegnungen mit dem Publikum – hat sie sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben…

(Auszüge aus der Pressemappe der Bundeskunsthalle Bonn)

 

aus der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

aus der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Die Ausstellung ist geprägt von verschiedenen Geräuschen der per Video oder Tonband aufgezeichneten Performances der Künstlerin Marina Abramovic. Da ist zum Beispiel das Klopfen des Messers, dass sie zwischen ihre Finger sticht. Da ist der Schrei, der bis zur Endlichkeit ausgereizt wird… Gleichzeitig ist die Stille präsent und fühlbar, zum Beispiel während die Künstlerin und ein Esel sich in die Augen schauen, während Marina Abramovic und ihr früherer langjähriger Lebensgefährte und künstlerischer Partner Ulay sich mit einem gespannten Bogen gegenüber stehen/ lehnen. (hier ein Link zu meinem Besuch einer Ausstellung des Künstlers Ulay: Happy Birthday Ulay!)

 

Linsen und Reiskörner in der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Linsen und Reiskörner in der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Darüber hinaus wurde man als Besucher*in eingeladen, selbst aktiv zu werden. Zu Beginn war für mich die Frage, ob ich den Durchgang wähle, in dem sich zwei nackte Frauen gegenüberstehen, oder nicht. Dies war eine der Re-Performences durch junge Künstler*innen, die bei Marina Abramovic gelernt haben. (Hier findest Du Aufnahmen der Original-Performance mit Ulay aus dem Jahre 1977.) Ich bin hindurch gegangen und muss sagen, dass es spannend war, mich damit zu beobachten: Vorab die inneren Überlegungen, dann die Entscheidung, dann den Moment abwarten und entschlossen – jetzt…

Dann saß ich auf einem Holzstuhl, der mit Bergkristallen an der Rückseite der Lehne bestückt war, schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinem Atem, nahm die Umgebung war, tauchte ins Innere ab…

Abschließend nahm ich an der riesigen Tafel Platz, in deren Mitte Reiskörner und Linsen liegen, ringsherum Blätter und Stifte… Handy und Tasche ins Schließfach, Kopfhörer auf und Ruhe… So saß ich dort und zählte… und zählte…

 

Schließfächer am Rande in der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Schließfächer am Rande in der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Kopfhörer am Rande in der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Kopfhörer am Rande in der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Kopfhörer am Rande in der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Kopfhörer am Rande in der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Es gab weitere Möglichkeiten, die allesamt eine großartige Möglichkeit waren, zu experimentieren, zu spielen, sich selbst zu beobachten, sich herauszufordern… Daher würde sich auch ein mehrmaliger Besuch der Ausstellung lohnen, um alles in sich aufnehmen zu können. Weitere Re-Performances wurden und werden präsentiert.

Ja, die Auseinandersetzungen mit Marina Abramovic erfordern Mut, die Ausstellung erfordert Mut. Aber wenn man sich darauf einlässt, wirkt es sehr inspirierend und bereichernd.

 

Zählen in der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Zählen in der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Folgende Filme kann ich Dir noch empfehlen.

Ein Bericht von 3sat über die Ausstellung und Interviews: Marina Abramovic. Vom Schmerz zur Freiheit.

Die Performance „The Artist is present“ im MoMa 2010 hat Marina Abramovic große Aufmerksamkeit verschafft. Sie sitzt im Museum und schaut den Menschen, die ihr gegenüber Platz nehmen, einfach in die Augen. Dieser Ausschnitt hier zeigt den Moment, als ihr Ulay nach Jahrzehnten der Trennung dort wieder begegnet.

 

ps: Als Marina Abramovic ihre Biografie veröffentlichte, habe ich schon einmal über sie geschrieben. Naja, ich habe mich wohl mehr aufgeregt… Muss ich meine Mutterrolle Opfern, um als Künstlerin erfolgreich zu sein? Auch andere Künstlerinnen äußerten sich hierzu. Rabenmütter und andere Fundstücke. Inzwischen verstehe ich, woher die Aussage der Künstlerin resultiert und aus welcher Zeit sie kommt. Feminist Avant-Garde… Aber diesen Aspekt teile ich nach wie vor nicht mit ihr.

 

Innehalten nach dem Besuch der Ausstellung "The Cleaner" Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

Innehalten nach dem Besuch der Ausstellung „The Cleaner“ Marina Abramovic, Foto by Doreen Trittel

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. August 2018 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Anschließend wird sie Florenz, Italien zu sehen und zu erleben sein. Ich bin froh und dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, nach Bonn zu reisen und meine Erfahrungen mit den Arbeiten der Künstlerin Marina Abramovic in der Ausstellung The Cleaner machen zu können.