Künstlerinnen daten und sich in Kunst verlieben: Art Speed Dating

Künstlerinnen daten und sich in Kunst verlieben: Art Speed Dating

Künstlerinnen daten und sich in Kunst verlieben – das konnten die Besucher*innen des Art Speed Dating beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln im Juni 2021 in Berlin. Das Frauenmuseum und Gastkünstlerinnen hatten eingeladen, sich vis a vie mit der Kunst und den Künstlerinnen zu treffen und in den direkten Austausch zu gehen.

Ich habe mich sehr gefreut, mit dabei sein zu können. Meinem ersten Impuls folgend hatte ich das Thema „Opfer-Täter & Täter-Opfer“ mitgenommen. Auf der Patchwork-Decke, die ich mit den Worten Opfer-Täter abwechselnd bestickt und beschrieben habe, konnten die Besucher*innen Platz nehmen und mit mir in die Worte eintauchen. Aber nicht nur das Thema sondern auch das Wetter brachte die Kunstinteressierten mächtig ins Schwitzen. Vielen Dank an alle Besucher*innen, die so mutig waren, sich darauf einzulassen.

Das Thema des Kunstfestivals war in diesem Jahr LUFT und fand als hybride Veranstaltung mit mehr als 600 Künstler*innen statt. Das Thema ließ zahlreiche Perspektiven, Sichtweisen und Interpretationen zu. Unter dem Stichwort Raus an die frische Luft, wurde das Art Speed Dating unter freiem Himmel durchgeführt.

 

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Lars Walter

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Lars Walter

 

So funktionierte es

 

Das Art Speed Dating ist eine Aktion des Frauenmuseums Berlin beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln – auf dem KINDL Gelände Berlin, Gemeinschaftsgarten Vollguter.

 

Welche Idee steht hinter der Kunst? Fragen Sie!

 

Die Aktion Art-Speed-Dating an der frischen Luft, möchte auf unkomplizierte und sichere Weise den Kontakt zu Künstlerinnen und ihren Kunstwerken ermöglichen. Der / die Besucher:in spricht fünf Minuten lang in entspannter Atmosphäre mit der Künstlerin über ihre Arbeit und Arbeitsweise.

 

Auf einer 2 m langen Bank sitzen sich Künstlerin und Besucher*in gegenüber, das mitgebrachte Kunstwerk der Künstlerin zwischen sich. In diesen Minuten erlebt der/die Kunstinteressierte die Künstlerin und ihr Werk. Farbverläufe, Technik, Haptisches, Taktiles, Strukturen und Oberflächenbeschaffenheit können im direkten Kontakt erlebt werden. Im gemeinsamen Gespräch werden Wirkung und Intension besprochen, der/die Besucherin darf alles fragen. Es ertönt ein Gong und die/der Betrachter*in geht zur nächsten Bank, wo eine weitere Künstlerin mit ihrer Arbeit wartet. Je Durchlauf zeigen in einer Stunde 6 Künstlerinnen ihre Arbeiten. Mit jedem erneuten Verlosen von Sitzbanknummern beginnt der Vorgang von vorne.

 

Das Art Speed Dating ist eine seltene Gelegenheit, das Kunstwerk und die Künstlerin gemeinsam zu erleben. Das Format ermöglicht einen direkten, persönlichen Austausch mit individuellen Sichtweisen und schafft neue Zugänge zur Kunst. Die Besucher:innen können fragen, was sie zum Thema Kunst schon immer erfahren wollten. Die Antwort der Künstlerin ist ihnen gewiss.

 

Freitag, 18.06.2021 bis Sonntag, 21.06.2021 auf dem KINDL Gelände Berlin, Gemeinschaftsgarten Vollguter

Teilnehmende Künstlerinnen: Birgit Cauer Ulrike Dornis Sarah Dudley | Adelheid Fuss Ulrike Gerst Andrea Golla Beret Hamann Susanne Haun Gwendolyn Kerber Kirsten Kötter Verena Kyselka Kimberly Meenan | Uschi Niehaus | Roswitha Paetel Sylvia Seelmann Annette Selle | Doreen Trittel Sibylla Weisweiler| Cecile Wesolowski | Hille Winkle

 

(Pressemitteilung des Frauenmuseums)

 

Frauenmuseum Berlin: www.frauenmuseumberlin.de

Kunstfestival 48 Stunden Neukölln: www.48-stunden-neukoelln.de

 

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Susanne Haun

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Susanne Haun

 

Auch dort

Das Art Speed Dating war für mich auch eine wunderbare Gelegenheit, meine Künstlerin Kollegin Sabine Küster von der Musenland – Akademie für Biografisches & Kunst nach vielen Monaten wiederzusehen. (unten links im Bild)

Meine Künstlerin Kollegin Susanne Haun war auch als Gastkünstlerin bei der Aktion mit dabei. Ihren Blogbeitrag findest Du hier: Impressionen vom Art Speed Dating.

 

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Doreen Trittel

Art Speed Dating, eine Aktion des Frauenmuseums beim Kunstfestival 48 Stunden Neukölln, 2021, Fotos (c) Doreen Trittel

 

Die Worte „Opfer & Täter“

Und wenn Dir mein Kunstwerk, die Patchwork-Decke jetzt bekannt vorkommt: 2017 hatte ich sie für eine Installation in einem ehemaligen Frauengefängnis angefertigt: Bitte hier entlang… 

Opfer und Täter, zwei Worte, die sich erst durch unsere Assoziationen, unsere Ein- und Zuordnungen, durch Definitionsversuche und auch durch unser Urteil mit Leben füllen. Der helle Stoff, die einzelnen Quadrate stammen von alten Herrenhemden, die Rückseite von einem alten Bettbezug meiner Großeltern.

 

Wie geht es Dir, wenn Du die Worte OPFER und TÄTER liest? Welche spontanen Assoziationen hast Du? Welche Gefühle steigen in Dir auf?

 

Ich mache mich fertig! Aber nicht am Frauentag!

Ich mache mich fertig! Aber nicht am Frauentag!

Heute, am 8. März ist in Berlin der Internationale Frauentag nun zum dritten Mal ein offizieller Feiertag.

Der Internationale Frauentag hat sich in seiner Bedeutung für mich über die Jahre verändert. Früher, in der DDR, war es der Tag, an dem wir als Kinder unseren Müttern selbst Gebasteltes und Blumen schenkten. Heute ist es ein Tag, der mir leider immer wieder bewusst macht, wie viel Benachteiligungen für Frauen auf der Welt, ja auch in Deutschland, noch existieren.

Und nein, die DDR hat den Internationalen Frauentag nicht erfunden, auch wenn sie ihn gefeiert hat. Der Frauentag ist wesentlich älter: 

„Der Internationale Frauentag… Er entstand als Initiative sozialistischer Organisationen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen und fand erstmals am 19. März 1911 statt. In der DDR war der Frauentag durch seine Geschichte geprägt, er hatte zunächst den Charakter einer sozialistischen Veranstaltung und wurde erst in den späten 1980er Jahren festlicher, ungezwungener und weniger ideologisch begangen…“ „…Die Vereinten Nationen erkoren ihn 1975 als Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden aus…“ (Wikipedia, Feb. 2020)

Was Feminismus für mich heute bedeutet:

Gegenseitiger Respekt, Anerkennung der Vielfalt und Achtung der Menschenwürde!

 

Und was diese Selbstporträts mit dem Frauentag heute zu tun hat, das erfährst Du, wenn Du weiter liest.

Sich selbst fertig machen, Selbstporträts, Serie, 2021, (c) Doreen Trittel

 

Ich mache mich fertig!

Das kann ich gut, mich selbst fertig machen, so richtig. Und dann fühle ich mich wie nach einem Boxkampf, in dem ich k.o. am Boden liege. Nicht dass ich jemals schon einen Boxkampf erlebt hätte und tatsächlich gegen jemand anderes geboxt hätte. Aber so stelle ich es mir vor. Und dieses Bild von mir ist tatsächlich von Boxhieben so geworden. Aber wie mache ich das? Wie mache ich mich selbst fertig? Nicht mit Boxhandschuhen, sondern mit Worten, mit Sätzen, Fragen, Vorwürfen, Zweifeln… 

Jetzt hast du das schon wieder nicht geschafft!! Und jenes hast du nicht gemacht!! Siehst du nicht die Stapel, die To Dos auf der Liste?! Was soll das überhaupt?! Das hat doch alles keinen Sinn!! Wen interessiert denn das?! Das ist doch Kindergarten!! Nun komm schon!! Nun reiß dich mal zusammen!! Augen zu und durch! Nun los!! Mach schon! Häng hier nicht so rum!!

Du kennst sie bestimmt auch, diese und ähnliche Sätze. Ist Dir schon einmal bewusst geworden, wie viel Aggressivität in ihnen steckt und vor allem, wie viel Macht sie haben, wie viel Energie und Kraft sie ziehen? Es sind Sätze. Es sind Worte. Und sie haben so viel Macht über uns und über andere. Denn unbewusst geben wir sie weiter. Unbewusst betrachten und bewerten wir unser Umfeld mit diesen Augen. 

Schauen wie diesen Worten, diesen Sätzen ins Auge! Was sagen sie aus? Wie kommen sie auf die Idee uns zu bewerten? Welche Macht geben wir ihnen, uns klein zu machen? Dabei sind es doch „nur“ Sätze, die längst vergangen sind. Es sind Worte aus unserer Vergangenheit. Es sind längst vergangene Aussagen, die nichts mit uns heute zu tun haben. Schauen wir der Vergangenheit ins Auge und schicken die Sätze dorthin zurück. 

Lasst uns…!

Lasst uns einander immer wieder daran erinnern, wo diese Sätze herkommen und wo sie hingehören. Lasst uns bei uns bleiben und unsere Kraft ins Blühen fließen. Lasst uns einander begleiten und unterstützen. Lasst uns neugierig auf die Erfahrungen schauen, die vor uns liegen. Lasst uns leben, hier und jetzt. Gemeinsam. Miteinander.

Herzliche Grüße zum Internationalen Frauentag!

Lasst uns respektvoll miteinander sein. Lasst uns respektvoll zu uns selbst sein. 

 

#ArschlochICH

#ArschlochICH

Kennst Du Dein Arschloch? Dein ArschlochICH?

???

Ja, genau. Ich frage nach dem Arschloch in Dir. 

Aber, Doreen, Arschloch sagt man doch nicht? Und das von Dir?

Ich weiß. Aber es ist Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen und genau hinzuschauen. Drumherum reden bringt uns nicht weiter. Und alle Grautöne zwischen schwarz und weiß gehören für mich ebenfalls zum bunten Farbenspektrum.

 

Neee, ich doch nicht!

Angeregt durch einen Impuls von Ludowika Boemanns, Mentorin für Klarheit und Struktur, in ihrem Workshop Ende letzten Jahres habe ich mir meine Arschlochseiten angeschaut. Ja, auch ich kann für andere ein Arschloch sein. Mir war das, ehrlich gesagt, schon irgendwie vorher klar, aber so direkt hätte ich mich nie als Arschloch gesehen oder benannt. Aber ja, ich habe diese Anteile auch in mir.

Als wir diese Aufgabe von Ludowika bekommen hatte, fühlte ich mich zunächst wie vor den Kopf gestoßen. Und ich ging innerlich in die Abwehr: Nee, ich doch nicht. Ich bin doch kein Arschloch. Nein, das bin ich nicht. Ich bin doch immer nett zu allen. Nee, ich bin kein Arschloch. Damit bin ich nicht gemeint.

So oder ähnlich geht es Dir vielleicht jetzt auch, wo Du meine Zeilen liest.

 

Doch dann erinnerte ich mich

Doch dann bin ich innerlich einen Schritt zurückgegangen und habe mal beobachtet. Mir fielen Situationen ein… Ich erinnerte mich… 

Und dann hat mir wieder die Kreativität geholfen, die kreative Auseinandersetzung mit dieser Herausforderung. Herausgekommen ist eine Serie mit Selbstporträts, der ich den Titel #arschlochICH gegeben habe. 

#ArschlochICH, (c) Doreen Trittel, 2020, Selbstporträts

#ArschlochICH, Selbstporträts, (c) Doreen Trittel, 2020

 

 

Ja, ich habe ein paar Anläufe gebraucht. Mich als Arschloch zu betrachten, geht ans Eingemachte und fühlt sich zunächst nicht angenehm an. Doch mit jedem Foto mehr kam ich in Fahrt und entdeckte den Spaß daran. In diesem geschützten Raum schadete ich niemanden. Wie eine Schauspielerin konnte ich mit der Kamera meinen Arschlochanteil ausleben. Und ich war selbst erstaunt darüber. Ich kann es kaum beschreiben, es ist ein tolles Gefühl, seinen inneren Arschlochanteil zu umarmen, im zuzuzwinkern, in anzustupsen und mit im gemeinsam zu lachen. Das ist so unglaublich befreiend. 

Es hat mich nicht nur als freischaffende Künstlerin, als Kreative sondern vor allem auch als Person weitergebracht und innerlich wachsen lassen. Ohne meine Persönlichkeit kann ich nicht als Künstlerin öffentlich agieren und meine Kunst öffentlich performen. Das geht Dir als Coach, Begleiter:in, Berater:in, als Soloselbständige:r, als Unternehmer:in… nicht anders. Und als empathische Menschen haben wir mit weiteren Herausforderungen zu tun, die uns immer wieder blockieren. 

 

Eine Empfehlung für Dich

(Werbung) Hierfür hat Ludowika Boemanns nicht nur im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, sondern sie wird auch in diesem Jahr, am 1. Februar 2021 das erste Online Kompetenzzentrum für empathisches Denken° eröffnen. Hierin stecken all ihr Wissen und all ihre Erfahrungen in der Arbeit als emphatischer Mensch mit emphatischen Menschen. „…Du als empathischer Mensch bist auf so besondere Art und Weise in der Lage dich in anderen Meinungen und Gefühle hineinzuversetzen, dass es dir schwer fällt, dich zu äußern. Denn irgendwie hat dein Gegenüber ja auch recht. Du bist ein extrem guter Beobachter und kannst Gesamtzusammenhänge schnell erkennen…“ Im Kompetenzzentrum werden Persönlichkeitsentwicklung und Businessentwicklung zusammenbetrachtet und der Weg zu einem erfolgreichen Ich Schritt für Schritt gegangen, um die eigenen Gedanken in wirksame Kompetenzen zu strukturieren. 

Du bist Dir unsicher, ob Du ein emphatischer Mensch bist oder nicht? Probiere es aus und mache den Online-Test: Online Kompetenzzentrum für empathisches Denken°. Unter diesem Link findest Du auch den Link zu den Informationen, wie Du Mitglied im Online Kompetenzzentrum für emphatisches Denken werden kannst. Darüber hinaus kannst Du Ludowika immer auch direkt anschreiben und mit ihr persönlich sprechen. Denn ja, es ist wichtig, dass die sogenannte Chemie untereinander stimmt. 

 

Es ist Zeit, Veränderungen zu wagen und selbstbestimmt Deinen Weg zu gehen.

Verliere keine Zeit mehr und trau Dich, Dir selbst auf den Grund zu gehen.

 

 

° Dies ist ein Affilliatelink. Aber für Dich ändert sich nichts.

Ja, ich bin eine Superheldin. Und Du bist es auch!

Ja, ich bin eine Superheldin. Und Du bist es auch!

Nur noch wenige Stunden und das Jahr 2020 ist Geschichte. Aber unsere Geschichte geht weiter. Doch jetzt zwischen den Jahren ist für mich der Moment, zurückzuschauen, bevor ich wieder nach vorne schaue. Gestern, heute, morgen – diese drei Worte verbergen sich hinter dem Titel meines Ateliers, meines Nicknamens: hehocra. Heri, hodie, cras – lateinisch für gestern, heute, morgen. In den Rauhnächten ist alles jetzt, so intensiv wie sonst wohl kaum im Laufe eines Jahres. Alles ist jetzt. Wo beginne ich meine Rückschau? Was stelle ich in den Vordergrund? Was lasse ich weg? Was habe ich sowieso vergessen? Wo höre ich auf? 365 Tage… Ach nein, 366 Tage. 2020 war ein Schaltjahr. Aber irgendwie ist das eine Information, die nicht wichtig ist. 

 

Selbstporträt, Februar 2020, (c) Doreen Trittel

Selbstporträt, Februar 2020, (c) Doreen Trittel

366 Tage

Aber halt, doch! Das ist sie! Diese Information ist sogar sehr wichtig. Denn an diesem Abend, am 29. Februar 2020 war lauschte ich den Liedern von Max Raabe und dem Palastorchester. Das war so wunderbar: „Guten Tag, liebes Glück…“ Ich erinnere mich, dass ich schon ein leichtes mulmiges Gefühl hatte. Corona war schon längst in Europa und auch in Deutschland angekommen. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir es nicht mehr lästig abwinken. Aber wir waren bei diesem Konzert und es war eine große Freude. 

 

Selbstporträt, Juli 2020, (c) Doreen Trittel

Das große, lästige und wie ein Brennglas wirkende C

Ich hätte meinen Rückblick gern ohne dieses alles dominierende Thema geschrieben. Aber es nützt ja nix. Es war da und es ist noch da. Es hat auch mein Jahr 2020 beeinflusst und geprägt. Es stellte uns vor Herausforderungen, von denen wir hier noch vor einem Jahr nichts ahnten. Die Welt hat sich in 2020 verändert. Und wir haben noch keine Vorstellung davon, wie sich diese Veränderungen auswirken werden. Wir stecken mittendrin.

 

Selbstporträt, April 2020, (c) Doreen Trittel

Immer wieder: Zurück zu mir

Ja, wir stecken mittendrin. Und deshalb fühlt sich der anstehende Jahreswechsel für mich auch nicht so richtig nach Abschied, nach Loslassen oder einen Übergang an, der mit dem 1. Januar abgeschlossen sein wird. Nein. Wir stecken mitten in der Veränderung und sie lässt sich nicht von unserem Kalender und auch nicht von den Jahreszeiten beeindrucken. Das klingt jetzt negativ. Oder ist es realistisch? Ich habe keine Ahnung. Es ist mein Gefühl und dem darf ich trauen. Das ist meine Aufgabe, mehr und mehr meinem eigenen Gefühl zu vertrauen und meinen eigenen Impulsen zu folgen. In dieser Hinsicht war 2020 definitiv eine wichtige Lektion für mich. Denn gerade bei den Unsicherheiten und Ängsten im Außen, war es eine enorme Herausforderung für mich, bei mir zu bleiben, in meiner Mitte stabil zu sein. Es ist mir nicht immer gelungen. Nachrichten, Berichterstattungen und auch die Ängste von Menschen in meinem Umfeld verunsicherten mich, ließen mich zweifeln, schürten meine Ängste. Aber bei allem wusste ich immer, ich möchte wieder in meine Mitte zurück. Ich muss in meine Mitte zurück. Denn ich habe ein Kind, für das ich gerade in dieser Zeit ein sogenannter Fels in der Brandung sein möchte – für mich selbst, für mein Kind und für meinen Mann. Das war und ist meine oberste Priorität. Das ist mir wieder einmal bewusst geworden. Viele Jahre habe ich mit meinem Brotjob als Sachbearbeiterin gehadert. In 2020 bin ich nicht nur durch einen Wechsel sondern auch durch die Sicherung meiner Existenz angekommen. Der kulturelle und künstlerische Bereich leidet sehr stark unter C. Das bekomme auch ich zu spüren. Aber durch diese Krise fühle mich mit der Aufteilung meiner Tätigkeiten, meinen zwei Standbeinen versöhnt und bin unendlich dankbar. Neben meiner kleinen Familie bin ich auch für meine Herkunftsfamilie, meine Eltern und für Freund:innen da. Ja, soweit es mir möglich ist. Auch das habe ich in 2020 erfahren, ich muss mit meinen Kräften und Energien haushalten. C hat hier einiges von uns abverlangt. Entscheidungen mussten getroffen werden, die zuvor selbstverständlich waren, über die wir nun aber plötzlich nachdenken mussten und das auch intensiv, allein mit sich und im Austausch gemeinsam. Das erforderte unglaublich viel Ressourcen, die an anderer Stelle fehlten. Gleichzeitig lenkten sie dadurch den Blick auf das Wesentliche. Und so manches, was mich lange Jahre begleitete, wollte nun losgelassen werden. Abschiede haben es in sich. 

 

Selbstporträt, Oktober 2020, (c) Doreen Trittel

Machst Du noch Pläne oder lebst Du schon?

ich schaue aus dem Fenster. Zwischen den Häusern, über den Dächern kann ich noch einen Hauch vom Sonnenuntergang wahrnehmen. Der Tag hat sich verabschiedet. Es ist zehn vor fünf. Heute war das Wetter schön. Wie es morgen wird? Das weiß ich noch nicht. Ich werde es sehen. Auch lasse ich mich vom Tag überraschen. Ich habe keine Pläne. 2020 war auch dadurch gekennzeichnet, dass sich Pläne von heute auf morgen ändern, dass sich Pläne nicht lohnen, dass es aber dennoch Orientierung braucht. Ich erinnere mich an intensive Gespräche mit Freund:innen, in denen wir uns gegenseitig immer wieder daran erinnerten, auf das eigene Gefühl zu vertrauen. Die Orientierung sind wir. Die Orientierung sind unsere eigenen Impulse. Ja, es gibt Regeln, die für unsere Gemeinschaft, für unsere Gesellschaft wichtig sind. Es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen, ob ich sie nun für richtig halte oder nicht. Aber neben diesen Regeln gibt es auch immer wieder die eigene Orientierung, die eigenen Möglichkeiten, selbstwirksam tätig zu sein. Hier war und ist mir die Kunst, das eigene kreative Tun immer ein wichtiger Anker. Dies, so hoffe ich, konnte ich auch meinen Kund:innen vermitteln, ihnen dahingehend Impulse schenken und Orientierung bieten. Allein die Betrachtung des Wortes Veränderung und was sich für uns darin verbirgt, das aktive Gestalten mit den Händen, waren sowohl im Homeschooling als auch in Workshops eine gute Möglichkeit, den Fokus auf seine eigenen Erfahrungen und Ressourcen zu lenken. Das tat in vielerlei Hinsicht gut.

 

Selbstporträt, April 2020, (c) Doreen Trittel

Vom Ernten, Ankommen, kreativen Kooperationen und verrückten Kunst-Aktionen

Gerade in diesem Jahr waren wir sehr auf die Gegenwart bezogen. Und doch holte uns unsere Vergangenheit stärker ein als uns vielleicht bewusst ist. C präsentierte uns direkt oder auch indirekt viele Triggerpunkte, die Angst hervorriefen – mitunter große Angst. Und da kam es auch vor, dass unsere Vergangenheit missbraucht wurde und wird. Auch hier stecken wir mittendrin und dürfen unsere Hausaufgaben machen. Hierbei stehe ich mit meiner Kunst und meinen Impulsen gern zur Seite.

Im Herbst jährte sich die Deutsche Einheit zum 30. Mal. Hier denke ich an das Projekt „Von B nach B“ von der Fotografin Mina Esfandiari, bei dem ich mitwirken durfte. Und ich freue mich über „Schwalbenjahre“, einem Projekt der Fotografin Jessica Barthel, für das ich Einblicke in mein privates Fotoalbum gewährte. Für eine Folge des ZDF-Podcast „meine Wende. unsere Einheit?“ konnte ich meinen Weg der privaten und künstlerischen Auseinandersetzung mit meinen eigenen ostdeutschen Erfahrungen und Prägungen in wenigen Minuten zusammenfassen: Nicht nur Stasi und Rotkäppchen Sekt. Das hätte ich vor einem Jahr noch nicht gedacht, dass das geht. 

Mit der Künstlerin Susanne Haun habe ich weiter an unserem gemeinsamen Projekt „unvergleichlich GEMEINSAM“ gearbeitet. Wir waren mit zwei Bildern in der Galerie der Einheit bei den offiziellen Feierlichkeiten in Potsdam und wir haben über mehrere Tage auf Instagram und in unseren Blogs Einblicke in die gemeinsame Kunst, bestehend aus einer Installation, Collagen, Gesprächen und korrespondierenden Arbeiten gewährt. Dadurch waren wir nicht nur uns selbst sehr nahe, sondern konnten auch Anregungen in die Welt schicken. 

Und ich habe meine Ausstellung „Immer bereit!?“ ins Netz geholt. Aufbauend auf meinen Erfahrungen der letzten Jahre konnte ich eine Online-Ausstellungsseite mit Videos, Bildern und Texten, Empfehlungen und weiterführenden Links gestalten. Noch vor C beschäftigte mich persönlich mein eigener Leistungsanspruch, meinen inneren Erwartungen, „Immer bereit“ zu sein. Was zudem als verrückte Idee daher kam, entwickelte sich als spontan fröhliche Aktion, die bestimmt vielen Menschen mindestens ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Kathrin Möller, die Leiterin vom Frauenzentrum Paula Panke und ich haben in der Ausstellung vor Ort getanzt. Damit folgten wir einer Dance-Challenge, die schon seit Monaten weltweit viel Freude und Zusammenhalt verbreitet. 

 

Porträt Doreen Trittel, Dezember 2020, (c) privat

 

Ich bin eine stolze Superheldin

Bei allen kleinen und großen Herausforderungen in diesem Jahr bin ich enorm stolz auf mich. Ja, ich bin sehr stolz auf mich. Emotional habe ich so manche Parallelen zu den Veränderungen, die nach dem Mauerfall 1989 folgten, wahrnehmen können. Plötzlich war alles anders. Plötzlich galt das, was gestern richtig war, nicht mehr. Und davon sind alle Menschen um uns herum, eine ganze Gesellschaft betroffen. Es geht allen so in unterschiedlichen Ausprägungen. Wir sind alle mit Herausforderungen und Ängsten konfrontiert, die wir uns nicht ausgesucht haben. Und im Vergleich zu damals, da war ich 16 Jahre jung, fühle ich mich innerlich wesentlich stabiler und ja, auch erfahrener. Meine ganz persönlichen Erfahrungen mit Veränderungen und meine künstlerischen Aktivitäten rund um das Thema Veränderung kamen und kommen in dieser Zeit voll zum Tragen und es fühlt sich zwischendurch wie ernten an. Das macht mich stolz.

 

Du bist eine Superheldin, ein Superheld

Ich schreibe das hier nicht nur für die Blogparade von Anna Koschinski –  Warum ich ein*e Superheld*in bin – Helden-Storys. Sie hatte nämlich aufgerufen, uns unseren Superheld:innen-Kräften zuzuwenden und die zurückliegenden Monate Revue passieren zu lassen.

Ich schreibe das hier auch für mich, denn ich weiß, es wird auch wieder unsichere Zeiten und beängstigende Momente geben, Phasen, in denen ich mich in einem schwarzen Loch fühle. Denn in diesen Stunden und Tagen kann ich kaum oder gar nicht wahrnehmen, was ich schon alles gemeistert habe, was ich schon alles gewuppt habe.

Ich schreibe das hier auch für Dich, denn ich kann mir vorstellen, dass es Dir ähnlich geht. Auch wenn der Aufruft zur Teilnahme an der Blogparade mit dem Jahr 2020 endet, so möchte ich Dir dennoch die Anregung mit auf den Weg geben:

 

Mache Dir bewusst, was Du alles erfahren und bewältigt hast.

Erzähle davon, schreibe es auf. Denn es wird Dir gut tun. Es wird Dir helfen. 

 

Selbstporträt, September 2020, (c) Doreen Trittel

Für Dich gesammelt

So wie uns die #farbverrückt Reise von Katja Otto und mir gemeinsam mit Euch im Sommer und Herbst 2020 durch die Farben des Regenbogens hilft und weiterhin helfen wird. Ganz im Sinne der Maus Frederick haben wir Farben, das Bunt für den Winter, für Durststrecken, für herausfordernde Stunden und Tage, Wochen und Monate gesammelt. Solltest Du noch Farben gebrauchen können, dann habe noch etwas für Dich: Du kannst Dir einen der noch vorhandenen #farbverrückt Kalender 2021 oder ein #farbverrückt Mini-Leporello nach Hause schicken lassen. (Bitte hier entlang…) Die Farben erinnern uns an das Schöne im Leben. Sie erinnern uns an das Miteinander, an das Menschliche in uns.

Die Farben erinnern uns, genauso wie diese Worte, an unsere Superheld:innen-Kräfte.

Komm: Ich geb Dir fünf. Gib Du mir fünf. Yeah.

 

Selbstporträt (mit C-Frisur), Dezember 2020, (c) Doreen Trittel

 

Mein Jahr 2020 in Selbstporträts

Ein Highlight für mich war auch mein Online-Vortrag beim Stammtisch der Smartphotoschule aus München. (Die Gründerin Simone Naumann hatte bei #farbverrückt über ihre roten Schuhe gesprochen.) In dem Vortrag legte ich den Blickpunkt auf die Bedeutung und den Gewinn von Selfies bzw. Selbstporträts in der Reflektion und Auseinandersetzung mit eigenen Themen. Daher habe ich für meinen persönlichen Rückblick auch verschiedene Selbstporträts und ein Porträt ausgewählt. In 2020 sind wir uns selbst, ob bewusst oder unbewusst, näher gekommen. Selbstporträts werden auch in meinem ersten Freebie in 2021 eine Rolle spielen. Ich bin gespannt, welche neuen Perspektiven es Dir ermöglichen wird.

 

In diesem Sinne eine schöne und zuversichtliche Vorfreude

auf das, was uns 2021 erwarten wird. 

 

Selbstporträt, August 2020, (c) Doreen Trittel

Frauen in der Kunst – Auch ein Ungleichgewicht für DDR-Künstlerinnen | #femaleheritage

Frauen in der Kunst – Auch ein Ungleichgewicht für DDR-Künstlerinnen | #femaleheritage

Es ist später Nachmittag, Ende November. Meine Bekannte und ich schlendern durch die dunklen Straßen in unserem Kiez, Berlin Charlottenburg. Der Advent blickt schon durch die Tür. Jede hat ihren Kaffeebecher in der Hand und trinkt zwischen unseren Worten einen Schluck. Wir sprechen über Kunst, Schreiben und den Mut, den es dafür braucht. Zwischendrin bleiben wir fasziniert von den farbig leuchtenden Bildern stehen und wagen einen Blick in die hell erleuchteten Galerien. Und wieder fällt mir auf, dass wir mehr Kunstwerke von Künstlern anstatt von Künstlerinnen sehen.

 

Künstlerinnen & Künstler im Ungleichgewicht

Die Werke von Künstlern bilden so oft noch die Mehrheit. Es ist ein vertrautes Bild. Aber mehr und mehr ärgert mich dieses Ungleichgewicht. Haben wir es immer noch nicht gelernt? Studien der letzten Jahrzehnte haben immer wieder deutlich gemacht, wie unterrepräsentiert Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt sind. Das zieht Benachteiligungen in der Sichtbarkeit, Bekanntheit und vor allem in der Bezahlung nach sich. (Empfehlenswertes Video der ARD: „Warum sind Kunstwerke von Frauen weniger wert?„, Juni 2020)

Auch wenn wir in die Kunstgeschichte schauen, so fallen uns, wenn wir mal ehrlich sind, immer wieder die gleichen Künstlerinnen ein, zum Beispiel Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker, Camille Claudel oder Hannah Höch. Hilma af Klimt ist aktuell das wohl bekannteste Beispiel dafür, wie sehr unser kunstgeschichtliches Wissen männlich geprägt ist. Die Künstlerin „…gilt gleichermaßen als Pionierin der abstrakten wie der mystischen Kunst…“ (Wikipedia, Dez.2020) Denn Hilma af Klimt begann, 1906 abstrakt zu malen, wie die Biografin Julia Voss in ihrem Buch „Hilma af Klint – ‚Die Menschheit in Erstaunen versetzen‘“ (S. Fischer, 2020) schreibt. Und damit malte sie bereits 5 (!) Jahre vor Kandinsky, der bisher als der erste abstrakt malende Künstler galt.

 

 

 

Aber es tut sich was

Das Thema der Ungleichbehandlung und des Ungleichgewichtes wird auch in Bezug auf die Kunstgeschichte wird in Kunstzeitschriften und anderen Magazinen, sowohl online als auch offline, sowie in Dokumentationen besprochen. Mehr und mehr Bücher, die sich auf Künstlerinnen konzentrieren, stehen in den Regalen. Aber ja, es gibt noch viel Luft nach oben. Machen wir weiter. Ein Beitrag von mir ist heute dieser Text mit dem Hashtag #femaleheritage.  Die Münchner Stadtbibliothek/Monacensia hat in Kooperation mit Dr. Tanja Praske von KULTUR – MUSEUM – TALK in einer Blogparade dazu aufgerufen, sich mit Blogbeiträgen zu der Überschrift „Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage“ zu beteiligen: 

„…#femaleheritage steht für eine übergreifende Beschäftigung mit Kultur. Diese gesteht weiblich geprägten Perspektiven, Texten und Themen künftig eine ebenso wesentliche gesellschaftliche Bedeutung zu wie männlichen Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten. Zugleich räumt sie dem weiblichen Vermächtnis entsprechenden Platz in der Erinnerungskultur ein. Mit #femaleheritage wollen wir Euch einladen, mit uns neues Wissen zu schaffen und vielleicht sogar unbekannte Persönlichkeiten, Texte, Werke und neue Verbindungen zu entdecken!…“ (aus dem Aufruf zur Blogparade)

 

Doch es gibt noch viel zu tun

Wie gehe ich dieses Thema an? Welche Künstlerin hebe ich hervor? Woran messe ich ob eine Künstlerin nicht schon bekannt ist oder noch nicht? Wenn mir ein Name etwas sagt, dass muss ja für andere noch lange nicht gelten. Aber wenn ich eine Künstlerin hervorhebe, die vielen doch schon ein Begriff ist? Schaue ich auf lebende oder schon verstorbene Künstlerinnen?… Fragen über Fragen. Zweifel über Zweifel. Gedanken über Gedanken. Recherchen über Recherchen.

Lange habe ich nun überlegt und das Thema mit mir herumgetragen. Ich selbst bin eine bildende Künstlerin. Daher liegt es nahe, dass ich auf diesen Bereich schaue. Und ausgehend von der bereits angesprochenen aktuellen Situation von Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt wage ich einen Blick zurück in die letzten Jahrzehnte. Durch die künstlerische Auseinandersetzung mit meiner ostdeutschen Prägung gehe ich insbesondere auf Künstlerinnen der DDR ein. Auch wenn die DDR schon über 30 Jahre der Vergangenheit angehört, so ist es doch eine aktuelle Aufgabe, die Erinnerung an Künstlerinnen der DDR zu wahren und darauf zu achten, dass ihr bedeutendes Werk nicht hinter der Sichtbarkeit ihrer Kollegen verschwindet. Denn auch hier nehme ich wahr, dass DDR-Künstler mehr vertreten und repräsentiert sind als ihre Kolleginnen. Auch wenn es wie ein Stempel wirkt, wenn ich von Künstlerinnen aus der DDR oder von ostdeutschen Künstlerinnen schreibe. Aber wir brauchen diese Kategorisierung an dieser Stelle. Denn wie oft wird über diese Künstlerinnen hinweg geschaut, werden sie nicht oder kaum wahrgenommen, sind sie in den letzten Jahrzehnten nur wenig und vor allem nicht in der Breite sichtbar. In meinem Text hier werde ich einige wenige Namen von Künstlerinnen nennen. Diese Auswahl ist rein subjektiv und sehr reduziert. Denn ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet. Aber ich bin eine interessierte Künstlerin, die ihre ostdeutschen Wurzeln in ihren Werken rückblickend verarbeitet und dabei auch immer wieder auf die Sichtweisen und Interpretationen in den Werken anderer Künstler:innen schaut.

 

Begegnungen & Wahrnehmungen zur Kunst von Künstlerinnen aus der DDR

Die Kunstwelt der DDR erschließt sich mir erst in der Retrospektive. Als Kind und Schülerin habe ich nur wage Erinnerungen an den Kunstunterricht. In meinem Umfeld spielte die Kunst der Gegenwart kaum eine Rolle. Darüber hinaus war auch nur Kunst präsent, die das System nicht hinterfragte oder dem widersprach. 

 

Buch: Sybille. Dorothea Melis (Hrg.), Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 1989, ISBN 3-89602-164-8 (Das Foto auf dem Cover zeigt Katharina Thalbach, fotografiert von Sibylle Bergemann.)

 

Fotografinnen und Schriftstellerinnen

Mit etwa 14 Jahren begann ich mich für Mode zu interessieren. Die Klamotten, die es damals zu kaufen gab, entsprachen nicht dem coolen Schönheitsideal der damaligen Zeit bzw. waren schwer zu bekommen. Daher begann ich – wie viele andere auch – meine Sachen selbst zu nähen. Anregungen holte ich mir aus den Modezeitschriften – unter anderem die „Sybille“ – „‚Zeitschrift für Mode und Kultur‘,… eine Frauenzeitschrift in der DDR, herausgegeben vom Modeinstitut Berlin. (Wikipedia, 2020) Dort begegneten mir damals schon unter anderem die Fotografien von Sibylle Bergemann, Ute Mahler, Elisabeth Meinke die neben den Fotografien der männlichen Kollegen schon immer mehr waren als „nur“ Modefotos. Das zeigte auch die Ausstellung „Sibylle. 1956-1995“, die an verschiedenen Orten gezeigt wurde. 2017 wurde der gleichnamige Katalog veröffentlicht. 

In den 90ern hörte ich auf, mir meine Kleidung selbst zu nähen. Das Schreiben und Fotografieren weckte mein Interesse. So entdeckte ich weitere Fotografinnen – zum Beispiel Angela Fensch, Gundula Schulze Eldowy, Helga Paris – und vor allem auch die bekannten Autorinnen der DDR, Christa Wolf, Maxie Wander, Brigitte Reimann. Doch hier gibt es auch viele Autorinnen, die heute kaum bekannt sind, wie Ines Geipel in der Frankfurter Allgemeinen schreibt: „…sind das mehr als hundert Autorinnen und Autoren, die zwischen 1945 und 1989 in Ostdeutschland ins Aus gesetzt, verfolgt und verfemt wurden. Dass sie verschwanden, ehe sie überhaupt wirklich da waren, gehörte zum Kalkül. Wie schwer es noch heute fällt, dieses durchcodierte Sperrland ausdifferenziert zu durchforsten…Es liegt alles parat, und es gibt viel zu entdecken…“ („Wie DDR-Schriftstellerinnen kämpften„, aktualisiert 2020. Ines Geipel gründete laut Wikipedia zusammen mit Joachim Waltherdas Archiv der unterdrückten Literatur der DDR.)

Meine Begeisterung für die Bildende Kunst kam erst später auf, so dass ich an dieser Stelle ins Jahr 2018 springe und meine zeitliche Chronologie hier schon wieder verlasse. 

Während ich bei meinem Besuch 2018 in der Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ im Museum Barberini Potsdam noch über die vielen mir unbekannten Namen und Kunstwerke staunte, fiel mir das Ungleichgewicht von Künstlerinnen und Künstler 2019 in der Ausstellung „Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutsche Kunst“ im Museum der bildenden Künste Leipzig schon deutlich ins Auge. 

 

„Frau in Uniformkleid“ von Annette Schröter in der Ausstellung „Point of No Return“, 2019 im MdBK Leipzig, (Foto: Doreen Trittel)

 

Annette Schröter

Bei der Vielzahl an gezeigten Arbeiten in Leipzig hat mich ein Bild der Künstlerin Annette Schröter in Bezug auf eines meiner eigenen Werke sehr berührt. Es geht um ihr Bild „Frau in Uniformkleid“, was zur Staatlichen Kunstsammlung Dresden gehört. Das Gemälde von 1983 setzt sich mit der Militarisierung einer Gesellschaft auseinander.

Zu dieser Zeit bin ich 10 Jahre alt. Der Wehrunterricht war als Teil der Wehrerziehung in der DDR zwischen 1978 und 1989 ein obligatorisches Unterrichtsfach für alle Schüler der 9. und 10. Klassen… Die Teilnahme am Wehrunterricht in der Schule war im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht für alle Schüler verbindlich….“ (Wikipedia, Dez.2020) 1982 wurde ein neues Wehrpflichtgesetz verabschiedet, das die allgemeine Wehrpflicht im Verteidigungsfall auch für Frauen festlegte. Jahrzehnte später, 2017 als es die DDR schon lange nicht mehr gab, und ich das Bild noch lange nicht kenne, beschäftige ich mich in meiner Installation/ Serie „Schießen für den Frieden“ ebenfalls mit der Militarisierung einer ganzen Gesellschaft von Kindesbeinen an. Denn davon bin ich geprägt. So stand ich vor dem 150 x 90 cm großen Ölgemälde von Annette Schröter und war tief berührt von ihrer Umsetzung und Auseinandersetzung.

Annette Schröter (* 23. April 1956 in Meißen) ist eine deutsche Malerin und Papierschnitt-Künstlerin. Annette Schröter studierte von 1977 bis 1982 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig… 1985 siedelte sie nach Hamburg…“ (Wikipedia, Dez. 2020) Heute lebt sie in Leipzig und arbeitet mit der Form des Scherenschnitts und stellt faszinierende, gegenwartsbezogene Kunstwerke aus Papier her, die zu einem zweiten Blick herausfordern: Annette Schröter – Kunst aus Papier. 

 

Doreen Trittel vor den Bildern der Künstlerin Uta Hünnig (Foto: priv.)

 

Uta Hünniger

Auch die Arbeiten der Künstlerin Uta Hünniger haben mich in der Ausstellung „Point of No Return“ sehr fasziniert. Wenn ich mich recht erinnere, bin ich auf die Malerin und Grafikerin über ihren Instagram-Kanal aufmerksam geworden. Aber genau weiß ich das nicht mehr. Uta Hünniger ist 1954 in Weimar geboren, studierte 1977-1982 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und arbeitete 1982 als freiberufliche Künstlerin in Ost-Berlin – unter anderem mit dem Namen Viola Blum – bis sie 1988 nach West-Berlin übersiedelte. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Erfurt.

 

Blick in die Ausstellung von Cornelia Schleime: Malerei und Zeichnungen; by hehocra

Blick in die Ausstellung von Cornelia Schleime: Malerei und Zeichnungen (Fotos: Doreen Trittel)

Cornelia Schleime

Die Ausstellung „Ein Wimpernschlag“ von Cornelia Schleime, 2016 in der Berlinischen Galerie hat mich sehr beeindruckt – ebenfalls die Vielfalt der Ausdrucksweisen und die Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen mit der Staatssicherheit. Hierüber hatte ich in einem Blogbeitrag mit dem Titel “Selten hat mich ein Bild so berührt“ geschrieben. Cornelia Schleime, die 1953 in Ost-Berlin geboren ist und 1984 nach West-Berlin übersiedelte, hatte vor vier Jahren mit dieser Ausstellung den Hannah-Höch-Preis 2016 für ihr Lebenswerk bekommen.

 

Gabriele Stötzer

Die Kunst von Gabriele Stötzer und ihr politisches Engagement begegnen mir immer wieder in verschiedenen Dokumentationen. Und jedes Mal staune ich über ihre künstlerische Vielfalt und ihren Umgang mit der eigenen Inhaftierung im Frauengefängnis Hoheneck. Dort „…fasste sie den Entschluss, zu schreiben. Nach ihrer Entlassung lehnte sie die Ausreise in den Westen ab…“ (Wikipedia, Dez.2020)

Verena Kyselka

2019 beeindruckte mich die Video Installation „Heavy History“ von Verena Kyselka in der Ausstellung Ping Pong Peng gemeinsam mit der Künstlerin Katja Fouquet in der Kommunalen Galerie Berlin. Erst der Biografie konnte ich entnehmen, dass die Künstlerin Verena Kyselka in den 80er Jahren als freiberufliche Künstlerin in der DDR arbeitete. Die Performance, in der sie verteilt auf mehreren Säckchen 100 kg Sand mit sich trug und damit die Last ihrer (Familien-) Geschichte darstellte, hat mich unglaublich berührt, weil ich dies so gut nachempfinden konnte.

 

Doreen Trittel in der interaktiven Installation von Katia Fouquet, in der Ausstellung „Pong Pong Peng“ mit Verena Kyselka (Foto: Sabine Küster)

 

 

Mit diesem kurzen und auch oberflächlichen Exkurs möchte ich den Blick auf die ostdeutsche Kunst und vor allem den Blick auf die Kunst von Künstlerinnen der DDR, ostdeutsche Künstlerinnen öffnen und vor allem für einen gleichberechtigten Umgang im Zuger der Erinnerung an diesen jüngeren Teil der deutschen Kunstgeschichte sensibilisieren.

In der Kategorie Bildender Künstler (DDR) der deutschsprachigen Wikipedia sind zum einen noch längst nicht alle Künstler:innen aufgeführt und zum anderen Künstlerinnen in der Minderheit. Ähnlich verhält es sich im Bildatlas Kunst in der DDR, einer von 2009 bis 2012 im Rahmen eines geförderten Forschungsprojekts erstellten Online-Datenbank mit Malerei aus den Jahren 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands. Doch auch und gerade die Sicht von Frauen, die kreative Auseinandersetzungen von Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Fotografinnen, Filmemacherinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen…, kurz allen kreativ schaffenden Frauen der DDR, sind für die Entwicklung unserer Gesellschaft und für die Gestaltung unserer Zukunft von enormer Bedeutung. Können wir von ihnen unglaublich viel lernen und erfahren. Denn durch meine eigene Beschäftigung mit gesellschaftlichen – ostdeutschen – und familiären Prägungen stelle ich immer wieder fest, wie sehr auch diese Zeit heute noch wirkt und welche Parallelen zur Gegenwart sichtbar werden.

An dieser Stelle schließe ich mich der Intention von Beatrice E. Stammer an, die sie mit der Ausstellung „und jetzt. Künstlerinnen aus der DDR“ (2009 im Künstlerhaus Bethanien, Berlin) und der gleichnamigen Buchveröffentlichung verband:

„Die Künstlerinnen dürfen nicht in den Schubladen des Vergessens verschwinden.“

 

 

#femaleheritage

Vielen Dank an die Münchner Stadtbibliothek/Monacensia und an Dr. Tanja Praske von KULTUR – MUSEUM – TALK für die Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage„. Es sind bereits zahlreiche, vielfältige und sehr bereichernde und interessante Blogbeiträge aus sehr verschiedenen Blickwinkeln zusammengekommen. Die Blogparade läuft zwar nur noch bis zum 9. Dezember 2020. Doch das Thema wird auch darüber hinaus nicht an Bedeutung verlieren, im Gegenteil es liegt nach wie vor in unser aller Verantwortung, „…Frauen in der Erinnerungskultur präsenter (zu) machen und das Bewusstsein für ihr Werk und ihr Wirken (zu) stärken. Rückt ihre Leistungen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft in den Fokus, löst Euch dabei von den gängigen, binären und polarisierenden Weiblichkeits- und Männlichkeitsklischees….“ (aus dem Aufruf zur Blogparade).

 

 

Wenn Geschichte missbraucht wird

Wenn Geschichte missbraucht wird

 

Für mich sind Vergangenheit und Zukunft heute.

In meiner Kunst arbeite ich mit Erinnerungen, mit Prägungen, die sich heute zeigen, um an der Stelle in die Veränderung zu gehen, an der ich merke, da behindert mich etwas, da schränkt mich etwas ein, da macht mir etwas Angst. Ich bin Künstlerin und Impulsgeberin. Ich lerne. Ich lerne jeden Tag. 

Warum sollten wir uns ausgerechnet heute mit der Vergangenheit beschäftigen? Dieser Frage bin ich am 13. November in einem kurzen Video zu meiner aktuellen Ausstellung „Immer bereit!?“ schon nachgegangen. Und in den letzten Tagen zeigte sich ganz deutlich, wie sehr die Vergangenheit eine Rolle spielt und wozu die Vergangenheit auch benutzt wird. 

Und es ist persönlich. Ja, es ist persönlich. 

In meiner Kunst, in Vorträgen, Interviews und Gesprächen erzähle ich meine Geschichte, meine persönliche Geschichte. Das ist mir sehr wichtig. Ich kann nur von mir erzählen, von meinen Erfahrungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, von meiner Auseinandersetzung. Ich erzähle meine Geschichte. Aber ich kann nicht die Geschichte meines Vaters erzählen. Das steht mir nicht zu. Ich kann erzählen, was seine Geschichte mit mir gemacht hat, wo sie mein Leben beeinflusst und mich geprägt hat. Aber ich kann mir seine Geschichte nicht zu eigen machen. Es ist seine Geschichte. Es ist die Geschichte meines Vaters und sie verdient Respekt, meinen Respekt und meine Liebe.

Jeder, jede hat ihre eigene Geschichte, ihre ganz persönliche Geschichte.

Ich bin fasziniert von den Geschichten anderer und interessiere mich für die Geschichten anderer. Ich schaue neugierig auf das, was die Geschichten mit mir machen. Was lösen sie in mir aus? Wo berühren sie mich? Wo kann ich Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede entdecken? Und ich ziehe Parallelen zur gesellschaftlichen und politischen Historie. Denn wir sind beeinflusst und geprägt von den Systemen, in denen wir aufwachsen und leben, von den familiären, gesellschaftlichen und politischen Systemen. Wir können voneinander lernen. Das ist unsere Aufgabe. Uns gegenseitig zuhören, inspirieren, lernen. 

ABER was ich nicht kann,

…dass ist, Deine Geschichte zu meiner zu machen. Das steht mir NICHT zu. Ich kann wiedergeben, was Du mir erzählst. Ich kann wiedergeben, was ich gelesen habe, was ich wahrnehme, was ich beobachte. Ich kann erzählen, was Deine Geschichte mit mir macht, was sie in mir auslöst, wo sie mich berührt, wo ich Ähnlichkeiten entdecke, wo ich Unterschiede finde. Aber ich kann nicht Deine Geschichte zu meiner Geschichte machen. Ich gehe sogar soweit und sage: Ich darf Deine Geschichte NICHT zu meiner Geschichte machen, ich darf sie nicht missbrauchen. Jede Geschichte verdient ihren Respekt. 

Wir können den Missbrauch von Geschichten gerade öffentlich sehr klar wahrnehmen und beobachten. 

Ich selbst habe in den vergangenen Wochen erfahren, wie es sich anfühlt, wenn meine eigene Geschichte für die politische Wahrnehmung und Bewertung anderer missbraucht wird. Ja, das ist nicht schön. Ich brauchte einen Moment, um das einordnen und vor allem Worte dafür finden zu können. Denn so habe ich das noch nie erlebt. 

Wir alle erleben es gerade öffentlich. Ja, unsere kollektive Geschichte, die Geschichte einzelner Personen, die Geschichten von Anne Frank und Sophie Scholl werden missbraucht. Geschichte kann hinterfragt werden. ABER Geschichte darf NICHT missbraucht werden. 

Was können wir tun? 

Wir können wahrnehmen, beobachten und uns Fragen stellen, Stellung beziehen. Wir können hinterfragen. 

Was macht es mit uns, wenn unsere kollektive Geschichte derart missbraucht wird? Was macht es mit uns einzelnen? Wie geht es Dir damit? Was hat das mit uns persönlich zu tun? Wie ist unsere Geschichte mit der kollektiven Geschichte verbunden? Wie gehen wir mit unserer Geschichte um? Wie sehen wir unsere ganz persönliche Geschichte? Welchen Stellenwert hat sie heute? Wie leben wir die Verantwortung für unsere kollektive Geschichte? 

Wie gestaltest Du die Verantwortung für Deine eigene Geschichte? Setzt Du Dich damit auseinander?

Wir haben eine kollektive Geschichte. Wir haben unsere persönliche Geschichte. Alle unsere Geschichten sind miteinander verbunden. Wir dürfen wahrnehmen, beobachten, uns berühren lassen, uns irritieren lassen, voneinander lernen, uns inspirieren. 

ABER wir dürfen nicht, die Geschichten des anderen zu unseren eigenen Geschichten machen. 

 

Schaut auf Eure Geschichte. 
Schaut auf Eure Erfahrungen. 
Schaut auf das, was Euch geprägt hat und verändert das, was nicht zu Euch gehört. 
Die Veränderung beginnt bei uns selbst.

 

 

 

 

 

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Das Bild in diesem Beitrag ist Teil der Ausstellung „Immer bereit!?“, die Du mit einem Klick online besuchen kannst: Bitte hier entlang…